3. PornfilmfestivalBerlin 22.-26.10.2008

Hier hätte Ihr Porno laufen können…

Posted in film programme, Info by assistant2008 on October 13, 2008

Hier hätte Ihr Porno laufen können…

Warum einige Filme bei diesem Festival fehlen

Das Pornfilmfestival heißt Pornfilmfestival, weil wir die Dinge nun mal beim Namen nennen. Auch wenn mindestens die Hälfte der gezeigten Filme gar keine Pornos im engeren Sinne sind, sondern Filme, die um Sexualität kreisen, oder um die Bedingungen, unter denen Pornos entstehen. Es werden Dokumentationen gezeigt, experimentelle Filme, softe Erotik, aber auch explizite Darstellung von Sexualität. Genauso gut hätten wir das Ganze verschwiemelt “Festival der alternativen Erotik” oder ähnlich unkonkret benennen können. Doch wir sind ehrlich und zugleich vielleicht ein bisschen provokant.
Dass uns das P-Wort nicht unbedingt ein Massenpublikum bescheren wird, war immer klar. Doch immerhin wissen die Leute, woran sie sind, und so kann ein geneigtes Publikum gezielt zum Festival kommen und sich durchaus überraschen lassen, was man unter Porno alles verstehen kann.

Womit wir als Macherinnen und Macher des Festivals allerdings nicht gerechnet haben, ist, dass das P-Wort auch für Filme, die sich explizit mit Pornographie und Sexualität beschäftigen, abschreckend ist. Wie froh waren wir über einige herausragende Produktionen, die wunderbar ins Programm, zu unserem Festival und unserem Publikum gepasst hätten. Filme, die sich in intelligenter Weise mit Sexualität, Rollenbildern, Klischees, Erotik und der Pornoindustrie auseinandersetzen. Dass nun ausgerechnet Regisseur/innen oder Produzent/innen solcher Filme die Nase vor einem Festival rümpfen, das sich offen mit Pornfilmfestival betitelt, ist überaus erstaunlich und sehr schade.

Wie gerne hätten wir beispielsweise den australischen Film “The Band” gezeigt. Der Film begeisterte das Auswahlkomitee nicht nur, weil es ein aufwändig produzierter Spielfilm ist, der gekonnt Handlung und expliziten Sex miteinander vermischt, sondern auch weil hier eine weibliche Regisseurin, Anna Brownfield, Sexualität aus weiblicher Sicht mit starken und interessanten Frauenfiguren beleuchtet. Doch, der internationale Sales Agent hatte “andere Pläne” für den Film, die nicht direkt auf die sexuelle Natur des Filmes hinweisen, und sagte dem Pornfilmfestival ab.

Die Dokumentation “Stalags – Holocaust And Pornography In Israel” von Ari Libsker trägt zwar das Word “Pornographie” im Titel, mit einem Festival unserer Art wollte man aber nichts zu tun haben. Dabei hätten wir den Film nicht nur gerne gezeigt, sondern seinem spannenden Inhalt – Pornogeschichten, die in deutschen Kriegsgefangenenlagern spielten und in Israel geschrieben und massenhaft verkauft wurden – gern einen ganzen Schwerpunkt im Festival gewidmet.
Schade, dass dieses interessante und brisante Thema nun unserem Publikum vorenthalten bleibt.

Ebenfalls um Porno, und zwar nur um Porno, geht es in der deutschen Dokumentation “9 To 5 Days In Porn” von Jens Hoffmann. Dieser ausführliche und alles andere als beschönigende Blick hinter die Kulissen der Pornoindustrie weltweit würde wohl auf kein anderes Festival besser passen. Doch auch hier strebt man nach Höherem und versagte uns die Aufführung.

Sehr gern hätten wir Sexualität in den 70er- und 80er- Jahren im legendären New Yorker Sex-Club Plato diskutiert und die erhellende Dokumentation “American Swing” von Matthew Kaufman und Jon Hart im Programm gehabt. Wir waren sicher, unser Publikum hätte sich für diese wilde Geschichte ausufernder Sexpartys, inspiriert von der schwulen Subkultur, hier umgesetzt von heterosexuellen Paaren und einigen prominenten Besuchern, interessiert und unser Festival hätte dem Film den geeigneten Rahmen geboten. Doch leider hatten die Regisseure andere Pläne mit ihrem Film.

Auch einer der künstlerisch wertvollsten und in seiner Machart interessantesten Dokumentarfilme, “Jan Saudek”, über eben jenen tschechischen Fotografen, bleibt uns vorenthalten. Die Arbeit Saudeks und auch sein unkonventioneller Lebensstil, unangepasst, bahnbrechend und rebellisch, hätten gut zum Festival gepasst. Leider nicht so in den Augen der Filmemacher, die sich in ihrer Haltung der eigentlichen Aussage des Films zwar verpflichtet fühlen, aber sich von ihren Anwälten (schlecht) beraten ließen, dass eine Teilnahme bei einem “Porno”-Festival die Mitarbeiter des Films kompromittieren könnte.

Diese wichtigen Informationen über gute und interessante Filme wollten wir unserem Publikum nicht vorenthalten.
Wir können nur unser Bedauern über die Haltung der Filmemacher und -macherinnen zum Ausdruck bringen und uns umso mehr bei jenen bedanken, die nicht nur gewagte Filme machen, sondern diese auch gern bei gewagten Festivals zeigen.

Die Kuratoren und Kuratorinnen
des 3. PornfilmfestivalBerlin

2 Responses

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  1. doktor said, on October 23, 2008 at 10:06 am

    Tja so ist das leider wenn man sich Porno nennt. Ist das so verwunderlich?. Oder anders gefragt: habt ihr schon mal selbst einen Film produziert?
    Wenn man sich u.U mehrere Jahre mit einem Thema beschäftigt und zehtausend oder 100000 Euro in einen FIlm steckt, oder das Geld von Investoren kommt (wofür man dann einfach Anwälte braucht) ist man einfach gut beraten zu versuchen diesen FIlm (erstmal) in anderen Festivals vorzustellen und Käufer im Mainstream zu suchen bevor man ihn im Berlin Undergroundn zeigt.
    Das ist bedaurnswert vielleicht – aber die Geschichte des Kinos ist leider auch eine der Ökonmie und das gilt nicht nur für Hollywood sonder besonders auch für Erotik und Porno.

    Euer Festival ist genial aber vielleicht wäre der ein oder andere weniger abgeschreckt wenn Porno nicht im Namen ist.

    Oder ihr bleibt im Underground baut es über ein zwei Jahrzente auf und wartet bis die Leute dann irgendwann zu Euch kommen – ein ehrenswerter Weg.

  2. […] auf das 3. Porn Filmfestival Berlin hin, das seit gestern läuft. Auf der Veranstaltung, die nicht Festival der alternativen Erotik heißt, gibt es Workshops, Pornos und Filme, die solchen keine […]


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