3. PornfilmfestivalBerlin 22.-26.10.2008

SimulationsRaum – Stefan Höltgen: »Shit!« (happens)

Posted in Trashbacks, reviews by assistant2008 on November 2, 2008

The Doll Underground (USA 2007, Eon McKai) (Moviemento Berlin)

Ein weiterer Beitrag in der Vivid.alt-Reihe mit künstlerisch ambitionierter Pornografie. “The Doll Underground” sah dabei auch gar nicht schlecht aus: Der Film arbeitet mit Kollagen, Verfremdungen, Found Footage und mehrfachen Bild-Überlagerungen und entwirft so ein Bild von Los Angeles, das ein wenig an die Berlin-Bilder aus Walter Ruttmanns “Symphonie einer Großstadt” erinnert. Was passiert? Zwei Mädels vom Lande wollen nach Los Angeles, wahrscheinlich um dort eine Filmkarriere zu beginnen. Sie geraten jedoch in einen obskuren Club, wo sie auf eine dritte junge Frau treffen, die Mitglied im “Doll Underground” ist. Dabei handelt es sich um eine terroristische Aktion, die aus irgendwelchen Gründen Sprengstoffanschläge plant. Die drei Damen verlustieren sich abwechselnd miteinander, allein oder mit Männern, die entweder auch zum Underground gehören oder zum Feind, der auf diese Weise um Informationen gebracht werden soll.

Auch hier vergisst der Film nach etwa einem Drittel sein ästhetisches Projekt weitestgehend und reiht endlose Hardcore-Szenen aneinander. Die sind zwar nicht so grob wie in “Bad Luck Betties”, aber finden zeitweilig kaum ein Ende. Markant waren die Sex-Geräusche, die die Darstellerin Dixi Pearl von sich gab: Anstelle des üblichen “Ah!”, “Oh!”, “Yeah!” oder “Fuck me!” kam ihr in Momenten besonderer Ekstase eine unaufhörliche Reihung “Shit!” über die Lippen. Man hatte als Kinozuschauer also wieder ausreichend Zeit und Gelegenheit sich im Saal umzuschauen. Das hat sie abermals gelohnt, denn der Regisseur und eben jene “Shit!”-Hauptdarstellerin Pixi Pearl waren anwesend. Zunächst saßen beide am Rand und es war ein sehr markantes Vergnügen, die Darstellerin dabei zu beobachten, wie sie sich selbst auf der Leinwand beobachtet. Spannend wurde es dann, als sie bemerkte, dass sie von etlichen Zuschauern beim Beobachten beobachtet wurde. Da fand ein regelrechter Abgleich zwischen dem Vorbild und dem medialen Abbild statt, der an Intensität zunahm, wenn Pixi Pearl in Hardcore-Szenen zu sehen war.

Sie entzog sich dem dann immer häufiger, indem sie den Saal für Minuten verließ und schließlich die einzige Möglichkeit, den Film zu sehen ohne selbst gesehen zu werden (und das wiederum sehen zu müssen) fand: Sie setzte sich mit dem Regisseur in die erste Reihe. Gern wäre ich geblieben, um sie zu fragen, was ihr denn so durch den Kopf gegangen ist in dieser Situation des doppelten Angeblicktwerdens. Ich fürchte aber, viel wäre da nicht gekommen – mir wurde berichtet, dass sie sich zum ersten Mal außerhalb der USA befand und ohnehin schon voller Ängste und Unsicherheit war.

www.simulationsraum.de

Kommentar von “assistant2008″: Ganz abgesehen davon, daß der Name von Pixie demonstrativ permanent falsch geschrieben wird, weiß ich nicht, was der letzte Satz mit dem Film zu tun hat. Der Autor bestätigt wirklich alle Vorurteile von Porno-Rezipienten…..

Tagged with: , , , ,

SimulationsRaum – Stefan Höltgen: PFF: »Das ist so erfolgreich, weil es so ungeil ist.«

Posted in Trashbacks, reviews by assistant2008 on November 2, 2008

Film & Diskussion: Harry S. Morgan “Happy Video Privat”

(links: Jürgen Brüning, rechts: Harry S. Morgan)

Zunächst wurden vier Epidsoden aus verschiedenen Teilen der Reihe “Happy Video Privat” gezeigt: 1. “Birgit und Steffen aus Leipzig – Faustfick in Sachsen”, 2. “Eva und Miro aus Wuppertal – Liebeslust im Zug” (der war auch Bestandteil der Hauptseminarreihe), 3. “Karin und Ina aus Osnabrück – Harry ist sprachlos …” und 4. “Silke und Marko aus Viersen – Anale Leidenschaft”. Schon während des Screenings, bei dem der Regisseur anwesend war, konnte ich ein paar spannende Kommentare aufschnappen, die dieser seiner Begleitung und Sitznachbarin gegeben hat. Neben der Feststellung, wie abscheulich manche Tapeten in den Filmen sind, war es vor allem jener Satz, der die Überschrift dieses Eintrags ziert.

Das war dann auch das zentrale Thema der Diskussion hinterher. Morgan vertrat vehement die These, dass seine Filmreihe weder Pornografie sei (”Meine Filme können keine Wichsvorlage sein.”) noch irgend einer Form von Aufklärung verpflichtet seien. Vielmehr böten Sie dem Zuschauer eine Art Spiegel, der den zeigt, was andere machen, was möglich ist und dass es eben nicht nur schöne Körper gebe. Was aber anderes ist Pornografie? Und woher weiß der Regisseur, aus welchen Motiven seine Filme angesehen werden? Mir schien es eher so, als habe Morgan ein bestimmtes Ideal-Bild seiner Arbeit, einen Ethos, der zwar nicht unbedingt etwas mit der Wirklichkeit, aber mit seinem Selbstbild als Filmemacher zu tun hat. Als solcher hält er sich übrigens erstaunlich zurück: Nach eigenen Angaben ist er bei den pornografischen Aufnahmen nie dabei (etliche Episoden in “Happy Video Privat” zeigen aber, dass das nicht stimmt) und in der ersten Folge habe er sogar regelrecht Angst vor den Hardcore-Aufnahmen gehabt.

Dementsprechend wies er auch die Behauptung zurück, in seinen Interviews provoziere er die Paare durch suggestive Fragestellungen und seine (heteronormativen) Vorstellungen von Sexualität und Liebe. Seine Interviews seien journalistisch. Auf die Entgegnung, dass gerade das Filmbeispiel “Eva und Miro” zeige, dass er in gewisser Weise herablassend sei (auf meine zugegeben etwas provokative Zwischenfrage während des Films, ob der erektionslose Miro denn trotzdem eine Gage bekommen habe, antwortete Morgan: “Ich zahle immer!”), fand er einen sehr schönen Vergleich: Es sei in seinen Filmen eben wie beim Fußballspiel: Da will man auch nicht die ganze Zeit über Tore sehen …

Ich habe dann noch ein paar Fragen zur Produktion von “Happy Video Privat” gestellt, die mir vor allem den Hintergrund des “Privaten” etwas verdeutlichen sollten. Erfahren habe ich, dass die Wohnungen der Darsteller so gut wie nicht umgeräumt wurden für die Filmaufnahmen. Kunstlicht sei nur äußerst selten verwendet worden. Am stärksten hat sich der filmische Prozess in der Postproduktion auf das Material eingewirkt: Was man in den einzelnen Folgen sieht, ist ein (pornografisch montierter!) Zusammenschnitt aus etwa 60 Minuten Rohmaterial. Mag sein, dass Pornografie beim Filmen nicht die Intention gewesen ist – am Schneidetisch entsteht sie jedoch unweigerlich. Das Rohmaterial ist bestimmt durch seinen (quasi) dokumentarischen Charakter und Einstellungen, die die Unsicherheit und die Fragen der Protagonisten wiedergeben. So etwas gehört aber nicht in einen Pornofilm.

Interessant waren dann auch noch die Erläuterungen über die Vorgespräche und das Verhalten der Darsteller im Angesicht der Kamera (man erinnere sich an den vorherigen Bei-/Vortrag über Privacy and Porn). Während in den Interviewszenen die Technik schnell vergessen war, hat sie in den Fickszenen zu erhöhter Unsicherheit und Angst bei den Darstellern geführt. Die Kamera wurde zu einem nunmehr aktiven Beobachter (klar, Nah- und Detailaufnahmen kann man als Gefilmter wohl nur schwer ignorieren). Als Reaktion hierauf begannen die Darsteller sich wie Porno-Schauspieler zu verhalten. Sie wurden schnell und hektisch und haben ihren Auftritt dann teilweise sogar an erlernten pornografischen Sequenzen orientiert (Stellungswechsel, besondere Praktiken etc.) Wenn das kein schöner Beleg für die sexual-konstruktivistische Macht von Pornografie ist …

www.simulationsraum.de

Tagged with: , , , , ,

Simulationsraum – Stefan Höltgen: PFF: Selfploitation

Posted in Trashbacks, reviews by assistant2008 on November 2, 2008

Vortrag: Stephan Wolf “The Privacy of Porn: All is intimate, nothing is true”

Gestern war ein Wort-Tag. Zuerst habe ich mir im Kino “Eiszeit” einen sehr instruktiven Vortrag von Stephan Wolf über die Frage das Privaten in der Pornografie gehört. Zentrale Thesen waren:

  1. Private Porn ist ein Widerspruch in sich. In dem Moment, wo eine Kamera oder ein Publikum anwesend sind, ändert sich das Verhalten des Gefilmten und wird “unprivat”.
  2. Private Porn, wie sie auf Clip-Portalen wie Youporn, yutuvu und anderen gezeigt werden, verlieren ihren pornografischen “Wert” in dem Moment, wo das Gesicht der Protagonisten nicht zu sehen ist.
  3. Private Porn in der Art der Clips von “Beautiful Agony”, in denen nur das Gesicht gezeigt wird, öffnet dem Fake Tür und Tor.

Die Gegenüberstellung von “Fake” und “authentisch” halte ich (natürlich) für etwas problematisch. Authentizität ist keine Eigenschaft des Bildinhaltes, sondern der Form in Verbindung mit der medienhistorischen Vorbildung des Zuschauers. Insofern war das letzte von Wolf herangezogene Filmbeispiel aus “Beautiful Agony” besonders interessant. Hatten sich die mir bekannten Clips der Seite zuvor darauf beschränkt, einzelne Frauen(gesichter) mit starrer Kamera in einer Plansequenz zu filmen, so hat das vorgeführte Beispiel drei Modelle gezeigt, dramaturgisch (im Hinblick auf ein Erreichen der “Klimax”) montiert und mit Authentizitätsmarkern versehen: Hinter dem Körper derjenigen, die gerade im Bildvordergrund zu sehen ist, sieht man eine andere Protagonistin und die Kamera, die sie filmt. Zum Erreichen der Authentizitätssuggestion ist dabei sowohl die Montage als auch das filmische Beiwerk (Ton und Setting) entscheidend.

Als Gradmesser für Privatheit, wenngleich sie nach der ersten These sowieso unmöglich ist, die Betonung bestimmter “body parts” heranzuziehen, klang allerdings überaus plausibel für mich. Wolf leitete das aus der Frühgeschichte des Films her und verwies auf den kurzen Film “The Kiss” von 1896, in welchem der Kuss als damals größtmögliche Abbildung des Privaten auf das Gesicht konzentriert ist und in Großaufnahme gezeigt wird.

Vielleicht erklärt sich damit auch die seltsame Faszination, die Bukake-Aufnahmen im Pornofilm haben, weil sie die für die Pornografie konstitutiven “body parts” miteinander in einem Bild kombinieren. Ich erinnere mich, dass in der Videothek in Jena, in der ich Mitglied war, der mit Abstand am häufigsten Verliehene Film ein Porno war, auf dessen Cover nichts anderes als ein mit Sperma übersätes Gesicht war. Auf der Rückseite waren dann ausschließlich ähnliche Screenshots. In Anbetracht der landläufigen Annahme, dass es der nackte weibliche Körper sei, der pornografisches Interesse auslöst, hat den Videothekar und mich schon damals das empirische Gegenteil überrascht.

www.simulationsraum.de

Tagged with: , , , , ,

SimulationsRaum – Stefan Höltgen: PFF: »Mein Freund fickt zum Glück besser!«

Posted in Trashbacks, reviews by assistant2008 on November 2, 2008

The Bad Luck Betties (USA 2007, Winkytiki) (Moviemento Berlin)

Der Auftakt zum 3. PornFilmFestival war schon gleich H/hardcore: Eine ambitionierte Produktion aus dem Hause Vivid, die die Geschichte einer Frauen-Gang in den 1960er Jahre erzählt. Die vier Damen, alles ehemalige Models, die vom “System Hollywood” fallen gelassen wurden, haben es sich zum Ziel gesetzt, den Drogenhandel unter ihre Kontrolle zu bringen und gleichzeitig die Korruption eines fiesen Politikers aufzudecken. Dazu sind ihnen alle Mittel recht, vor allem Sex. Der Film verbindet fünf Hardcore-Sequenzen, die die Rächerinnen beim Erreichen ihres Ziels zeigt, sowie eine zunächst von ihnen abgelehnte Adeptin, die ihnen Zugang zum Politiker und seiner “Casting Couch” eröffnet.

“The Bad Luch Betties” variiert zum Einen geschickt zeitgenössische politische und (sexual-)kulturelle Themen und verpackt dies zum Anderen in recht witzige und zu Beginn noch originell inszenierte Hardcore-Sequenzen. Leider geht dem Film nach der ersten Hälfte spürbar die Puste aus: die ansonsten variationsreich gefilmten und montierten (nicht nur Hardcore-)Sequenzen verkommen zur bloßen Nummernrevue mit teilweise ermüdender Länge. Auch der Soundtrack, der zu Beginn noch Rock- und Pornomusik-Kolorite miteinander verquickt, wird zunehmend unironischer und zur Muzak-Soundkulisse des Treibens.

Viel interessanter als der Film wurde das Ambiente: Es war mein erster Kino-Pornofilm (obwohl nur eine DVD gescreent wurde). Zunächst war der Saal vollbesetzt mit etwa gleichanteilig Männern und Frauen. Während der zweiten Hardcore-Sequenz verschwanden immer mehr Leute und am Ende waren vielleicht noch ein Drittel der ursprünglichen Besucher im Saal. Die hatten es jedoch in sich. Direkt hinter mir saß eine sehr extravertierte Dame mit zwei männlichen Freunden, der ich den kommenden Absatz widmen möchte:

Sie musste ihre Coolness derart unter Beweis stellen, dass sie den ganzen Film mit ihren beiden Begleitern konversiert hat. Dabei ging es zum einen darum, wie eklig sie diese und jene Szene und Einstellung fand (”Toll, jetzt rubbelt er da mit seinem schwieligen Daumen dran. Davon träumt jede Frau!”), wie sehr sie sich doch schon auf eine bestimmte Sequenz freue (”In dem Film soll ein Mann vergewaltigt werden!”), worin ihr Verständnis von Feminismus besteht (nach einer Sandwich-Sequenz erschießt die Protagonistin ihre beiden Beischläfer, jedoch offscreen: “Das soll feministisch sein?”, der merklich enttäuschte Kommentar der Frau hinter mir) und nicht zuletzt vor allem darin, ihr eigenes Sexualleben mit dem auf der Leinwand zu vergleichen. Dieser Vergleich kulminierte in der überlaut vorgenommenen Feststellung: “Also mein Freund fickt zum Glück besser.”

“Zum Glück” für wen? Für Sie, für die Umsitzenden, die sich das mit anhören durften? Zum Glück für ihren Freund, der es also mit (je)dem Pornodarsteller aufnehmen kann? Das kann man sich als Zuhörer selbst aussuchen. Interessant für mich war, wie deutlich ihre Kommentare doch mehr und mehr als “pfeifen im finsteren Wald” zu erkennen waren. Wie anders sollte man das laute Reden, das vor allem in den Hardcore-Sequenzen deutlich Zunahme, noch interpretieren – gerade, wenn sie sich klar sein musste, dass ihre intimen Bekenntnisse nicht nur von den neben ihr sitzenden gehört werden können?

Es ist eben auch für die abgebrühten Besucher eines Pornofilm-Kinos immer noch ein Skadalon, die Intimität eines filmerotischen Momentes mit Dritten zu teilen. Zu glauben, das Überspielen der eigenen Emotionen durch Coolness und/oder Lachen sei ein Privileg der Pubertierenden, ist angesichts von Sexualität grundfalsch. Ich will mich von dieser Erkenntnis auch gar nicht ausnehmen: Miriam und ich saßen ja direkt vor der Privatleben-Exhibitionistin und haben geschwiegen. Wir haben den Film nur an wenigen stellen im Flüsterton zueinander kommentiert und ihn – aus kühler filmwissenschaftlicher Distanz? – selbst in den Hardcore-Sequenzen “ernsthaft rezipiert”. Diese Abgeklärtheit ist die andere Seite der Medaille.

www.simulationsraum.de